Interview mit Hans-Erich Viet zum Film

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Der letzte

Jolly Boy

Interview mit Hans-Erich Viet zum Film

Wie kam es zu dem Film?

Wir haben uns in Berlin kennengelernt, im erweiterten privaten Umfeld. Er hat erzählt, und ich wollte immer mehr wissen. Das ist bis heute so, unsere Gespräche sind immer eine Art Ping-Pong. Irgendwann war klar, ich muss mit dieser Geschichte etwas machen. Die Herausforderung war, die vielen Reisen zu meistern und den Stress für ihn, der durch die vielen Begegnungen ja immer größer wurde.


Seit wann spricht Leon Schwarzbaum über seine Lebensgeschichte?

Erst im hohen Alter, nach dem Tod seiner Frau, hat er angefangen, darüber zu sprechen.


Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?

Wir sind jetzt im fünften Jahr. So einen Film zu machen ist langwierig, die Finanzierung, die Vorbereitung, der Dreh usw. Wir mussten erst herausfinden, was mit so einem hochbetagten Protagonisten kräftemäßig überhaupt möglich ist. Leon Schwarzbaum geht ja quasi noch einmal in das Leid hinein, durch die Drehs und Begegnungen vor Ort. Es kommt viel Unerwartetes hoch, ich habe die Verantwortung für alles, musste entscheiden, wie weit können wir gehen... das ging alles nur mit vollstem gegenseitigen Vertrauen. Es ist zwar ein Dokumentarfilm entstanden, aber es war (und ist) für uns alle eine ‚Lebensreise‘. 


Jetzt geht es weiter in die Auswertung des Films. Ich gehe in den Selbstverleih mit Unterstützung des Real Fiction Filmverleihs als Agentur, darüber bin ich sehr dankbar. Unser Ziel ist es, möglichste viele begleitete Vorführungen zu machen, bei so einem Film wäre alles andere verschenkt oder besser gesagt: der Sache nicht angemessen. Viel Potential, das sich durch den Film ergibt, würde liegen bleiben. Wie wichtig die anschließenden Gespräche sind, hat bis jetzt jede Vorführung gezeigt. 


Wie kam es zu der Entscheidung, ein Road-Movie zu machen? Warum nicht ein „klassischer“ Dokumentarfilm, der eine Lebensgeschichte erzählt?

Was ist schon klassisch! Warum muss Roadmovie immer gleich Spielfilm sein? Und wir haben alle Elemente drin: das Unterwegs-Sein, sehr gute Musik, unglaublich coole Menschen... (lacht). Im Ernst: Durch die Reise ergaben sich die Situationen, und genau das wollte ich zeigen. 

Beispiel Detmold, der Prozess gegen den SS-Mann Hanning: Leon Schwarzbaum und ich waren in Lüneburg beim Gröning-Prozess zur Urteilsverkündung, aus reiner Neugierde. Durch das Zusammentreffen mit dem RA Thomas Walther kam etwas ins Rollen, denn man wusste nichts von der Existenz Schwarzbaums, so ein hochbetagter Zeitzeuge und dann noch in Deutschland ansässig. Die meisten Zeugen oder Nebenkläger kamen ja aus dem Ausland. Der Anwalt frug also Leon Schwarzbaum: „Sind Sie dabei in Detmold?“ Leon Schwarzbaum frug daraufhin mich und mein Team: „Seid Ihr dabei, helft Ihr mir?“ Klar machten wir das. Und schon hatten wir mindestens ein halbes Jahr mehr Drehzeit, stundenlanges Extra-Material im Schnitt – und Mehrkosten natürlich. Aber wir waren Teil des wahrscheinlich letzten SS-Prozesses in Deutschland. 

Und wir waren dabei, wie Leon Schwarzbaum auf eine persönliche Aussage des ehemaligen SS-Mannes hofft, er hat so darauf gewartet, ihn dann direkt angesprochen: „Wir sind beide 95 Jahre alt, stehen bald vor dem letzten Richter, bitte erzählen Sie, was war – so wie ich.“ Nichts kam. Die Enttäuschung im Saal war körperlich spürbar. 

Auf der anderen Seite ist auch richtig, was die Vorsitzende des Prozesses sinngemäß sagte: Ein Mord-Prozess ist kein historisches Seminar. Der Angeklagte darf schweigen, muss sich nicht selbst belasten.


Wie waren die ersten Reaktionen auf Ihre Themen-Idee?

Bei den Förderern war das Interesse groß und die Unterstützung toll, das ‚System‘ hat mich sehr beeindruckt. Ich habe schon während dieser Phase eine emotionale Verbundenheit mit unserem Projekt gespürt – so etwas hatte ich noch nie erlebt.

Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen war es anders… nur Absagen. Aber der rbb hatte von Anfang an Interesse, speziell Rolf Bergmann, mein Redakteur. Zum Glück.

Aber der Weg war wirklich lang und sehr kompliziert. Und es hat kuriose Situationen gegeben. Die schönste Geschichte ist eigentlich die: Bei einem Themen-Pitch eines renommierten deutschen Festivals präsentierte ich den Vertretern der Sendeanstalten meinen Stoff. Allgemeines Desinteresse. Ein Redakteur reagierte. Er sagte: Wir hatten im Haus grade eine Doku mit einem Holocaust-Überlebenden. Er war allerdings schon 104… Als ich dem damals 94-jährigen Leon Schwarzbaum also anschließend erzählte, er sei schlichtweg zu jung, hat er herzlich gelacht.


Ist es schwer, so einen Film zu finanzieren?

Ja es war schwer. Absolutes Low-Budget und dann der lange Zeitraum. Ohne das freundschaftliche Grundvertrauen meines Teams z.B. wäre der Film unmöglich gewesen. 

Historische Reenactment-Stoffe sind gefragt, Animationen, fiktionale Stoffe, die mit teilweile sehr hohem Aufwand inszeniert werden. Da ist ein einfaches dokumentarisches Unterwegs-Sein im deutschen, historischen Wahnsinn und im Hier-und-Jetzt offenbar fast zu simpel.


Wie liefen die Dreharbeiten ab, warum haben Sie so lange gedreht?

Weil es so viele Plätze, Orte, Themen und Geschichten gab, ganz einfach. Und wir konnten immer nur relativ kurz am Stück drehen, bedingt durch das hohe Durchschnittsalter des Teams… (lacht).

Wichtig war zum Beispiel, spätestens um 18 Uhr im Hotel anzukommen, ein kurze Pause einzulegen, dann etwas Gutes zu essen und zu trinken. Dann viel Schlaf und früh los. Das waren die Koordinaten, die für unseren Protagonisten wichtig waren.

Das Team war sehr klein, nur er, Kamera, Ton und ich. Auf einen polnischen Dolmetscher habe ich bewusst verzichtet – Polnisch ist die Muttersprache von Leon Schwarzbaum, er hatte also auch die Aufgabe, sprachlich zu vermitteln. Er hatte eine aktive Rolle, die er auch genossen hat.


Wie haben die Menschen auf Leon Schwarzbaum reagiert, zum Beispiel die Häftlinge in Sachsen oder die jugendlichen Schüler in Polen?

Die Schüler in Bedzin haben wir überrascht, wir sind da ohne Anmeldung rein. Der Lehrer war verblüfft, hat aber sofort einladend reagiert. Die unbeschreiblich authentische und höfliche Art von Leon Schwarzbaum ist so entwaffnend, dass man ihm nicht widerstehen kann…

Im Gefängnis waren wir natürlich angemeldet, gecheckt und legetimiert. Die Häftlinge haben ihn geliebt, ihm Löcher in den Bauch gefragt, Blümchen geschenkt, wollten sein Nummern-Tatoo sehen... das ja nichts ist gegen die großflächigen Tatoos einiger Insassen. Leon Schwarzbaum sagte mir danach im Auto, diese sei die für ihn beste und wichtigste Begegnung gewesen! Weil er den Menschen Hoffnung geben konnte, so seine Erklärung.


Gab es für Sie besondere Reaktionen von Leon Schwarzbaum, Situationen, die Sie nicht erwartet hatten?

Wir hatten uns vorgenommen, sein Abiturzeugnis zu finden, das ihm die Deutschen abgenommen haben. Er weiß nicht mehr genau, wo, spätestens in Auschwitz muss es gewesen sein. Wir hofften auf irgendein polnisches Schularchiv, haben überall gefragt – hatten bis heute kein Glück. Inzwischen haben wir uns daraus einen Spaß gemacht – Leon Schwarzbaum sagt immer, er wolle noch mal studieren, und dafür brauche er jetzt endlich sein Zeugnis. 


Hatten Sie Sorge, eventuelle Erinnerungen, die bei Ihrem Protagonisten aufkommen würden, nicht adäquat auffangen zu können?

Nein. Als wir nach sehr langer Vorbereitung endlich anfingen zu drehen, war das Vertrauen zwischen uns so groß geworden, dass wir über alles reden konnten, alle Probleme gemeinsam lösen konnten. Ein tolles Erlebnis. Es ist eine Nähe und Freundschaft entstanden, wie ich sie noch zu keinem Protagonisten in allen meinen Dokumentarfilmen hatte. Unsere Verbundenheit geht heute weit über die Arbeit am Film hinaus.


Was haben Sie für Reaktionen auf den fertigen Film erlebt?

Wenn wir den Film zeigen, entsteht immer eine ganz außergewöhnliche Stimmung, eine sehr dichte Atmosphäre. Es ist großer Respekt vor Leon Schwarzbaum zu spüren, und vor der Art wie er das große deutsche Drama erkundet, einfach da steht und es durch sein Leben zeigt. Als wir den Film das erste Mal in Berlin gezeigt haben, in einer internen Team-Premiere in einem großen Kino, vollbesetzt, standen die Zuschauer schon während des Abspanns auf, der Applaus trug Leon Schwarzbaum und mich über den sehr langen Weg bis zur Bühne vor der Leinwand, den wir miteinander gingen. Meine Kollegen aus dem Team, die z.T. ja viele Jahrzehnte Premieren-Erfahrung haben, sagten mir anschließend, so eine empathische und intensive Reaktion von 400 Menschen gemeinsam hätten sie noch nie erlebt. Leon Schwarzbaum öffnet die Herzen der Menschen. Mehr geht nicht in diesen Zeiten. 


Was ist Ihr größter Wunsch, was erhoffen Sie sich von diesem Film?

Der Film ist ein Zeitzeugen-Dokument. Und noch kann Leon Schwarzbaum die Vorführungen selbst begleiten, so lange er gesundheitlich fit ist. Niemand sonst kann so profund und menschlich unmittelbar Auskunft geben über das, an das wir alle uns grade in diesen Zeiten gut erinnern sollten. 80 Jahre Reichspogromnacht im November 2018, im Mai 2020 jährt sich die Eröffnung des KZ in Auschwitz zum 80. Mal – und gleichzeitig ist der Antisemitismus wieder Thema im Tagesgeschäft. Wenn man diesen Film zeigt, können die Menschen, die ihn gesehen haben, anschließend keinen Unsinn mehr reden. Der Holocaust ist keine Fake News. Und Leon Schwarzbaum schon gar nicht. Wir wünschen uns eine möglichst lange Vorführ-Reise mit dem Film, auch Leon Schwarzbaums größter Wunsch ist es, diesen Film möglichst oft zu begleiten und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. 

Impressum


Viet Filmproduktion, Hans-Erich Viet
Film-Vertrieb: RFF Real Fiction Film, Köln

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